Mein Kind sollte achtsamer sein.

 

Situation: Wir sitzen auf der Couch. Die Kinder dürfen fernsehen und ich arbeite daneben, als mir auffällt, Mist, die Kinder sollten mal wieder gewickelt werden. Gut, dass ich schon alles hier liegen habe, so kann ich das schnell nebenbei machen. Als Kind Nr. 2 nackt vor mir liegt fällt mir auf, dass ich nur eine Windel hier hatte und die habe ich ja soeben Kind Nr. 1 angezogen. Da ich Kind Nr. 2 gerade sauber mache und dabei beide Hände voll zu tun habe, frage ich Kind Nr. 1 ob es mir bitte schnell eine Windel holen kann. Keine Reaktion. Hallo? Kannst du mir bitte eine Windel holen? Hallooooo?!?! Argh! Das Kind nimmt mich nicht mal richtig wahr?! Ich kann selbst nicht los, weil ich verhindern muss, dass der Inhalt der vollen Windel auf der Couch landet. Was zur Hölle mache ich denn jetzt? Immer lauter und lauter wird meine Stimme aufgrund dieses einen Gedanken. Es ist ja wohl eindeutig: Mein Kind sollte achtsamer sein!

1) „Mein Kind sollte achtsamer sein.“ Ist das wahr? – Ja.

2) „Mein Kind sollte achtsamer sein.“ Kannst du mit absoluter Sicherheit wissen, dass das wahr ist? – Es entsteht eine lange Pause. Ja. (Achtsamkeit hat ja schließlich noch niemandem geschadet…)

3) Wie reagierst du, was passiert, wenn du diesen Gedanken glaubst? Mein Kind sollte achtsamer sein. – Ich bin sofort total genervt. Innerhalb von wenigen Sekunden auf 180. Mindestens. Das kann ja wohl nicht wahr sein, dass mein Kind mir nicht zuhört?! Ich hasse das! Was kann den so schwer daran sein, mir eine Windel zu holen? Das ist ja wohl wirklich nicht zu viel verlangt. Oder wenigstens irgendeine Reaktion zu zeigen? Welche Gefühle tauchen auf, wenn du den Gedanken glaubst? Wut! Ich werde sofort so dermaßen wütend. Ich will am liebsten laut schreiben. Ich fühle mich ignoriert. Absichtlich ignoriert! Mein Kiefer schraubt sich regelrecht ineinander, damit ich nicht all das sage, was mir in dem Moment durch den Kopf geht. In wessen Angelegenheit befindest du dich, wenn du den Gedanken glaubst? Grmpf.. in der meines Kindes. Wie fühlt es sich an, in der Angelegenheit deines Kindes zu sein? So aussichtslos. Ich hab das Gefühl, ich könnte das auch zur Wand sagen. Die Reaktion wäre wohl ähnlich. Wie gehst du mit deinem Kind um, wenn du diesen Gedanken glaubst? Nicht besonders liebevoll. Ich vergesse augenblicklich alles, was ich über unerzogen, bedürfnisorientierte Begleitung, hochsensible Kinder, gewaltfreie Kommunikation etc. gelernt habe. Ich will einfach nur, das er verdammt nochmal das macht, was ich gerade von ihm will. Wozu bist du nicht in der Lage, wenn du den Gedanken glaubst? Liebevoll zu sein. Geduldig zu sein. Ruhig zu atmen und eine andere Lösung zu finden. Ich bin total blockiert. Was will dieser Gedanken Gutes für dich? Mit dem Gedanken kann ich die Schuld bei meinem Kind abladen. Dann ist mein Kind schuld, dass ich mich so aufrege. Und daran, dass das jetzt mit dem Wickeln nicht klappt. Da muss ich die Schuld nicht bei mir suchen. Was taucht noch auf, wenn du diesen Gedanken glaubst? Ich sehe Bilder aus der Zukunft. Wenn mein Kind in die Schule gehen wird. Ob er dann wohl eins dieser Träumer-Kinder wird, die nicht reagieren, wenn sie vom Lehrer aufgerufen werden? Und dann werde ich ständig in die Schule gebeten und muss mich für meine Erziehungsmethoden rechtfertigen. Dann wird hinterfragt werden, ob ich eine gute Mutter bin. Wow. Das sitzt. Mein Kind geht mir also keine Windel holen und ich bin deswegen eine schlechte Mutter? IST DAS WAHR???

4) Einmal kurz schütteln, tief ein- und ausatmen, dann geht es weiter. Mal angenommen, der Gedanke „Mein Kind sollte achtsamer sein.“ und die ganze Geschichte dahinter ist jetzt für einen Moment gelöscht. Wer oder was wärst / bist du – in der gleichen Situation, auf der Couch – ohne den Gedanken? Immer noch eine Mutter mit einem Problem. Ich mache gedanklich noch einen Schritt zurück. Ich sehe eine Mutter, die ein Kind wickelt und ein zweites, das friedlich fernsehen schaut und vor sich hin grinst. Dann hat das Kind halt mal kurz keine Windel an. Und ich renne schnell eine Windel holen. Oder ich gehe mit dem Kind gemeinsam eine Windel holen. Oder ich lasse die Windel einfach weg und hole stattdessen das Töpfchen. Wo genau ist eigentlich das Problem? Ich muss lachen.

Umkehrung 1: Ich sollte achtsamer sein.

1. Na so viel ist schon mal sicher. Ich bin ja diejenige, die hier nicht achtsam ist. Ich mache wieder x Sachen gleichzeitig: arbeiten, auf die Kinder aufpassen, überprüfen, was die Kinder da im Fernsehen schauen (pädagogisch wertvoll sollte es sein, möglichst gewaltfrei und da die Kinder hochsensibel sind auch bitte nicht zu emotional), während der Konferenz noch „mal eben schnell“ die Wäsche zusammen gelegt, und und und.. Achtsamkeit sieht ja definitiv anders aus. 2. Ich sollte auch achtsamer mit meinen Bedürfnissen sein. Wenn ich nämlich besser mit mir umgehe, komme ich gar nicht in diese Genervtheit und Gereiztheit rein. Wann genau habe ich eigentlich das letzte Mal was getrunken? Ahja… 3. Ich sollte auch achtsamer mit den Bedürfnissen meiner Kinder sein. Wie lange war die Windel eigentlich schon voll? Und ist fernsehen wirklich das, was meine Kinder gerade brauchen? Kann ich meinem Chef vielleicht auch sagen, dass ich das jetzt nicht für ihn machen kann und mich stattdessen voll auf meine Kinder konzentrieren?

Umkehrung 2: Mein Kind sollte nicht achtsamer sein.

1. Naja.. also um mal ganz ehrlich zu sein, hat mein Kind wohl besser verstanden was Achtsamkeit ist als ich. Ist ihm quasi in die Wiege gelegt worden. Mein Kind macht nämlich nur eine einzige Sache. Und die ganz in Ruhe und ganz entspannt. Selig vor sich hin lächelnd wird genauestens verfolgt, was da gerade im Fernseher läuft und nichts sorgt für irgendeine Form der Ablenkung. Nicht mal die zeternde Mama. Sitzt da total relaxed. Da kann ich wohl noch einiges von lernen. Mein Kind sollte nicht achtsamer sein, weil es schon total achtsam ist. 2. Mein Kind sollte nicht achtsamer sein, weil er ja gar kein Stress-Problem hat. Das bin ja ich. Und damit mir das auffällt ist es sinnvoll, dass ich wiederum diese Work hier mache und das alles genau so gelaufen ist, wie es eben abgelaufen ist. Mein Kind sollte also genau so sein wie es ist. Das ist herrlich beruhigend. 3. Mein Kind sollte nicht achtsamer sein, weil es auch gar nicht seine Aufgabe ist, sich achtsam um seine Mama zu kümmern. Es ist nicht seine Aufgabe alles zu tun, was ich sage und auf all meine Aussagen zu reagieren. Ist ja ein Kind und kein Haushaltsroboter (den hätte ich im Übrigen liebend gerne). Mein Kind darf einfach Kind sein und seine Kindheit genießen, so lange es geht. Das ist definitiv wahr!

In dem Moment kommt übrigens mein Kind rein und verkündet deutlich, dass es meine ungeteilte Aufmerksamkeit wünscht. Ich gehe mal eben kitzeln & kuscheln. Ganz achtsam natürlich. 😉

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Deine Nicole

Bild von Stefan Keller auf Pixabay.

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